Nachfolgender Artikel wurde aus der
Lausitzer Rundschau vom 30.04.04 übernommen.
Ein Schmuckstück gefüllt mit Schulgeschichte
Schwarzenburgs einmaliges Museum in alter Einraum-Lehranstalt eröffnet
/ Dank an Initiator Österitz
Ein Schmuckstück ist in Schwarzenburg entstanden: Ganz offiziell
eröffnete dort die alte Schule als Museum ihre Pforten. Die
halbe Gemeinde Walddrehna feierte am Mittwoch vor dem wohl einmaligen
Gebäude – bestehend aus Kirche, Schule und Lehrerwohnung.
Dass hier heute ein wichtiger Teil der Dorfgeschichte erzählt
wird, ist der Hilfe diverser Bürger und der unermüdlichen
Arbeit einer Person zu verdanken: dem ehemaligen Dorfschullehrer
Helmuth Österitz (78).
Schwarzenburgs letzte Schülerin: Karin Handke mit ihrem Einschulungsfoto
in der alten Klasse.
Als der letzte Ton aus den Kehlen des Chors der Walddrehnaer Grundschule
verklingt, kann Helmuth Österitz nicht anders. Ganz dezent
zieht er das Taschentuch hervor. Halb sieht es aus, als wische
er sich ein wenig Schweiß aus dem Gesicht. Doch er trocknet
sich eine Träne. 78 Jahre alt, und natürlich verliert
der alte Schullehrer nicht die Fassung. Aber reichlich gerührt
ist Österitz schon. Seit Jahren hatte der alte Lehrer die
Idee, die nach 40 Jahren Lehrbetriebs 1972 geschlossene Einraum-Schule
zu erhalten, wieder auszustatten und der Nachwelt als Museum zu
erhalten. Die Tafel, die alte Karte des Kreises Schweinitz, Schulbücher,
Rechenschieber – diverse Utensilien hatte er längst
zusammen getragen. Bis das Klassenzimmer aber vollkommen war,
brauchte es noch viel Hilfe. Mangels klammer öffentlicher
Kassen kam die aus der Bürgerschaft: Die Familien Kunze und
Rohr und Turowski und Große und Schmidt und viele andere
halfen dabei. Bei der feierlichen Eröffnung gibt es nicht
nur mit den Helfern ein Wiedersehen – sondern auch mit vielen
ehemaligen Schülern und Kollegen. Renate Lehmann zum Beispiel,
die ihre Laufbahn als Lehrerin unter den Fittichen von Österitz
begann. «Er hat seine ganze Erfahrung weitergegeben, viele
Tipps» , schwärmt die 65-Jährige aus Bornsdorf
noch immer in höchsten Tönen. «Bei ihm sind die
Schüler gerne zur Schule gegangen.» Das kann Karin
Handke nur bestätigen. Sie war Schwarzenburgs letzte Schülerin.
«Hier habe ich das Einmaleins gelernt.» Als Karin
Voigt wurde sie 1968 eingeschult, blieb ein Jahr in der kleinen
Klasse, kam dann nach Walddrehna und für das gesamte vierte
Schuljahr noch einmal zurück nach Schwarzenburg. «Das
war hier sehr klein, sehr persönlich» , erinnert sich
die heute 42-Jährige. Daran hatte auch Österitz’
Gattin ihren Anteil, wie sich Karin Handke erinnert. Denn Käte
bekochte die Schüler hin und wieder «mit Suppe oder
anderen Sachen, die Kinder gerne essen» . «Österitz
war ein sehr netter Lehrer, wir haben viel gelernt bei ihm.»
Das passierte auch schon einmal unorthodox. «Als eines Tages
ein Kuckuck auf einem Baum vor dem Fenster saß, fragte uns
Herr Österitz, ob wir schon mal einen Kuckuck gesehen hätten.»
Weil das nicht der Fall war, unterbrach der Lehrer den Unterricht
und pirschte sich mit den Schülern nach draußen, um
den Vogel zu bestaunen. «Dann sind wir wieder rein, der
Unterricht ging weiter.» Karin Handke geht durch die Bänke,
schaut in die Buchregale, auf die Wandkarten, atmet einen kräftigen
Zug Geschichte. «Schüler von heute können sich
das doch gar nicht mehr vorstellen.» Dann blättert
sie in einem alten Fotoalbum und zeigt auf ein Einschulungsfoto
von 1968. «Das bin ich.» Ein kleines Mädchen
mit riesiger Schultüte. Ein nicht enden wollender Strom an
Gratulanten will an diesem Tag Helmuth Österitz die Hand
schütteln. Die Ortsbürgermeisterin grüßt,
sogar die Bildungsdezernentin aus Lübben ist gekommen. Sagt,
dass es Ruhe brauche für die Schulreform. Das hält keinen
der Gratulanten vom Beglückwünschen ab. Blumen über
und über, viele persönliche Geschenke sind dabei, auch
weitere Ausstattungsgegenstände für die alte Schule.
«Das war der schönste Tag in meinem Leben» ,
sagt Helmuth Österitz, nachdem sich die meisten Besucher
längst wieder verabschiedet haben. Dass er so gerührt
sein könnte, hatte er vorher nicht gedacht. Und trotz des
bis in die Mundwinkel reichenden, zufriedenen Lächelns bekommt
er am Ende sogar noch ein schlechtes Gewissen. «Ich habe
ja ganz vergessen – ich hätte noch ,Danke‘ sagen
wollen.»
Service Kontakt
· Die alte Schule kann nur nach Voranmeldung bei
Frau Große persönlich besichtigt werden: Telefon 035455
3037.
Von Dennis Pfeiffer-Goldmann